Der Krieger

Ein vergessener Charakter in der postmodernen Welt

 

Erinnern Sie sich an die Winnetou-Filme der sechziger Jahre, an die Faszination, die ausging von Männern, die sich unter Einsatz ihres Lebens für Gerechtigkeit und Schutz der Schwachen einsetzen? Jugendliche scheinen authentische Vorbilder und Ideale zu brauchen. Nur Jugendliche? Haben wir es nicht satt, von Politikern ohne Rückrat regiert, von gierigen Wirtschaftsführern mit Millionenbezügen in Call-Center-Warteschleifen abgespeist zu werden. Spüren wir nicht zuweilen den dringenden Wunsch, ein Fernsehgerät aus dem Fenster zu werfen? Der faule Kompromiss ist längst zum Lebensstil geworden. Und entsprechende Betäubungsmittel hält die postmoderne Welt ohne Ende bereit: Vom Firmenwagen und Beta-Blockern bis zu alkoholisierten Ausrutschern und „Außenbeziehungen“ – viele Wege führen zum Leben ohne Rückrat.

Wie aber finden wir zum aufrechten Gang? Wo finden wir Menschen, welche ihrem eigenen Kompass folgen und  Freiheit, Würde und Wahrheit ausstrahlen? Menschen, die sagen, was sie denken und tun, was sie sagen? Wir vermissen die Qualität des Kriegers – wohlgemerkt nicht die des Soldaten, der befehlsgemäß Napalm und Folter einsetzt. Ein Krieger weiß, dass es Situationen gibt, in denen er kämpfen muss, will er sich und seinen Idealen treu bleiben. Er verkörpert eine psychische Qualität von Entschiedenheit und Selbstlosigkeit, die in den Tiefen des Geistes eines jeden Menschen schlummert.

Was hat all dies mit Kampfkunst zu tun? Echte Kampfkunst ist zunächst ein Paradoxon: Obwohl der Kampf trainiert wird, ist ihr Ziel, ihn zu vermeiden. Es geht nicht um die Vernichtung des Geg­ners, son­dern um den Frieden. Shun Tzu, der Kriegergeneral des historischen China sagt:

„Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft.“

Ein Krieger wird keine Überlegenheit demonstrieren, sei sie rethorisch, körperlich oder militärisch. Persönlicher Gewinn im Sinne von Ansehen und Status haben für ihn geringen Wert. Denn er steht im Dienst von Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Robert Bly schreibt im „Eisenhans“ über die innere Qualität des Kriegers:

„... aus seinem Körper wird ein hart arbeitender Diener, von dem er verlangt, dass er Kälte, Hitze, Schmerz, Wunden, Narben, Hunger, wenig Schlaf, Strapazen aller Art erträgt. Ein Mensch, der die Energie eines Kriegers hat, kann bis spät in die Nacht arbeiten, Müdigkeit überwinden, das tun, was getan werden muss, die Doktorarbeit mit sämtlichen Fußnoten zu Ende bringen, widerliche Abteilungsleiter ertragen...“

Das Kampftraining, im entscheidenden Moment kompromisslos jede Anfechtung abzuwehren, ist wesentlich ein geistiges und charakterliches Training. Denn es geht um mehr als körperlichen Schutz. Es geht um das Bewusstsein von Würde und Integrität als unverzichtbare innere Qualitäten. Ein Mensch, der in diesem Sinne seinen Körper und Charakter gleicherma­ßen schult, wird auch andere schützen. Er sucht den Kampf nicht und ist doch stets bereit, sich furchtlos für seine Ideale einzusetzen.

 

Der Krieger im Licht der Bhagavad Gita

Einer der großen Weisheitstexte der Weltgeschichte ist die indische Bhagavad Gita (Gesang des Erhabenen), ein Lehrgespräch zwischen Gott Krishna und dem Helden Arjuna. Die Gita beginnt kurz vor der Schlacht zweier verfeindeter Armeen. Die führenden Krieger auf beiden Seiten sind Enkel desselben Großvaters. Krishna lenkt den Streitwagen des gerechten Helden Arjuna zwischen die Fronten, so dass dieser die Gegner in Augenschein zu nehmen kann. Die gegnerische Armee, zahlenmäßig weit überlegen, ist entschlossen, ihren Feind um jeden Preis zu vernichten. In dieser Situation, kurz vor Ausbruch der Schlacht, geschieht etwas Ungeheuerliches: Arjuna, den fähigsten aller Krieger, überkommt Mitleid mit der Gegenseite:

Erfüllt von unendlichem Mitleid, verzagt und mutlos sagt er: Krishna, nachdem ich meine kampfeswilligen Angehörigen anrücken sah, werden meine Glieder schwach, mein Mund wird trocken und die Haare stehen mir zu Berge. Mein Bogen Gandiva fällt mir aus der Hand ... mein Geist wird unklar.(I. 28-30)
Nachdem er so auf dem Schlachtfeld gesprochen hatte, setzt sich Arjuna auf den Sitz seines Wagens und mit einem Herzen von Sorge überwältigt, wirft er Pfeil und Bogen fort.(I. 47)[i]

Eine jämmerliche Szene zum Auftakt eines Lehrtextes über die Qualitäten eines Kriegers. Wir gehen davon aus, dass dies kein dramatisches Stilmittel ist, sondern, dass eine grundlegende Konfliktreaktion angesprochen ist. Sie bewirkt eine körperliche und geistige Ohnmacht, die bisherige Lebenserfahrung und Trainings vergessen lässt. Die Waffen, Symbole der Handlungsfähigkeit, werden fortgeworfen. Der Held zeigt die kindliche Reaktion des Nicht-Wahrhaben-Wollens - die allzu menschliche Versuchung, einer entscheidenden Herausforderung auszuweichen. Mit diesem Zurückweichen vor dem unvermeidlichen Handeln beginnt die Gita.

In dieser Situation erweist sich ein Detail als bedeutsam: Obwohl Krishna versprochen hat, auf keiner Seite zu kämpfen, hat Arjuna ihn auf seiner Seite, genauer: Im Kampf zwischen Gut und Böse ist Gott Krishna sein Wagenlenker. Dies lehrt uns: Den Kampf kann uns niemand abnehmen – wer jedoch einen entscheidenden Konflikt bewältigen will, braucht einen weisen Führer und Lehrer. Und dieser reagiert eindeutig auf Arjunas Zögern:

Werde kein Feigling, Arjuna. Befreie dich vom Kleinmut und richte dich auf.(II. 3)

Keine Diskussion, weder Therapie noch Pädagogik werden angewandt wenn es um Leben oder Tod geht. Die Aussage lautet: Wer nicht handelt, ist ein Feigling! Darauf Arjuna:

 

Mein Geist ist verwirrt, was meine Pflicht ist. Ich frage dich, was ge­nau ist vorzuziehen? Sage mir dies, deinem Schüler. Berichtige mich, ich bitte dich.(II. 7)

Eine entscheidende Veränderung, welche die folgende Unterweisung erst ermöglicht. Arjuna erkennt seine Verwirrung und Unfähigkeit, sie aus eigener Kraft zu klären! Er erklärt sich zum Schüler und erkennt Krishna als seinen Lehrer an. Ange­sichts der entscheidenden Schlacht erkennt der Held, dass er der Unterweisung bedarf, um seine volle Kraft zu entwickeln und über sich selbst hinaus zu wachsen. Nicht Überheblichkeit, sondern Demut steht am Anfang des erfolgreichen Kampfes.

Es folgt die Lehre Krishnas über die wahre Haltung zum Kampf, die in der indischen Geschichte immer wieder kommentiert worden ist. Dieser Aufsatz beleuchtet die Frage, was den Schritt aus Kleinmut und Rückzug ermöglicht. Wir betrachten die Bhagavad Gita nicht allein als großes Epos aus dem indischen Legendenschatz, sondern sehen ihren Sinn vor allem im Wert für das praktische Leben.

Was heißt es, von Feinden bedroht zu sein, die uns nach dem Leben trachten? In den seltensten Fällen ist unser körperliches Leben gefährdet. Stattdessen haben wir es mit Kräften zu tun, die unser persönliches Reich, unsere Integrität bedrohen. Eine innere Schlacht ist zu schlagen. Eine berufliche Herausforderung, eine Ehe- oder Partnerschaftskrise, eine Krankheit, o.ä. können uns sowohl scheitern lassen, aber auch über uns selbst hinauswachsen lassen. In einer solchen Situation, in der widrige Kräfte die Oberhand zu gewinnen drohen, brauchen wir die Qualitäten des Kriegers. Und wir brauchen den Lehrer, der uns aus unserem kleinmütigen persönlichen Horizont herausführt.

Die Gita lehrt: Die Bewältigung eines entscheidenden Konfliktes beginnt mit der kompromisslosen Konfrontation mit der Wahrheit. Der Lehrer spricht: Werde nicht zum Feigling! Dies ist die Heraus­forderung des Kriegers. Es gibt kein Verständnis für Mitleid oder Schwäche. Stattdessen lacht Krishna und mahnt:

Du betrauerst jene, die keine Trauer verdienen und sprichst, als seinen deine Worte weise; die Weisen trauern weder um die Toten noch um die Lebenden. (II.11)

Mitleid mit den Todgeweihten, auch, wenn es die eigenen Verwandten sind, ist offensichtlich kein Zeichen von Weisheit. Die Begründung:

Diese Körper, bewohnt vom ewigen, unzerstörbaren und unermesslichen Selbst, sind endlich. Darum kämpfe, Arjuna. (II.18)

Wer dies kennt, das Unzerstörbare, Ewige, Ungeborene, Unzerstörbare, wie kann er jemanden töten? Wen tötet er? (II.21)

Wer den physischen Körper allein kennt, erliegt der Illusion des Todes. Ein Krieger jedoch sollte das Selbst kennen, das durch den physischen Tod nicht berührt wird.

Für die Lebenden ist der Tod sicher... Dies ist unausweichlich, darum solltest du nicht trauern.(II.27)

Ein Krieger ist sich des Todes bewusst. Ja, er hat entschieden, dass die gerechte Sache, für die er kämpft, höheren Wert besitzt, als ein angenehmes Leben. Er ist das Gegenteil des globalisierten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts. Dieser ahnt angstvoll, dass auch sein Leben früher oder später zu Ende gehen wird und tut was er kann, um dieses Wissen zu verdrängen. Wir schließen daraus:

Ein Krieger ist in der Lage, im Angesicht  des Todes zu leben.

Dies ist die zentrale Eigenschaft des Kriegers: Er ist stark genug, das Wissen um seinen Tod im Bewusstsein zu halten. Wer diese Stärke entwickelt hat, braucht nichts mehr zu fürchten! Einer der großen Krieger des Geistes, der angesichts des Todes seiner Überzeugung treu geblieben ist, Dietrich Bonhoeffer, schreibt aus der Haft im Nazi-Gefängnis:

Von guten Kräften wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,  und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Ein großes Zeugnis der Freiheit von Angst. Dies ist möglich, weil Bonhoeffer sich mit einer Kraft verbunden weiß, die größer ist, als seine persönlichen Möglichkeiten – mit Gott. Echte Krieger­schaft lebt aus transzendenter Quelle, welche niemals versiegt. Krishna fährt fort:

Wenn du diesen gerechten Krieg nicht führst, deine Pflicht und Ehre vernachlässigst, wirst du Böses heraufbeschwören. (II.33)

Ein Kampf, der als gerecht erkannt ist, muss geführt werden. Es gibt keine Pressekonferenz, keine Diskussion und keine Wahl.

Die großen Krieger werden glauben, dass du aus Angst vor der Schlacht zurückschreckst. Und unter jenen, die du hoch achtest, wirst du bedeutungslos werden. (II.35)

Von allen göttlichen Eigenschaften, nimmt die Furchtlosigkeit den obersten Rang ein... Wer durch Erfahrung der Nicht-Zweiheit weiß, dass alle anderen mit ihm eins sind, wird alle Angst beseitigen. Geliebter, dies wird Furchtlosigkeit genannt. Du sollst wissen, dass sie der Diener wahrer Vollkommenheit ist.  (XVI.1.67ff)

Furchtlosigkeit ist die zentrale Eigenschaft des Kriegers. Sie erwächst demjenigen, der Kraft und Orientierung aus einer authentischen transzendenten Quelle schöpft. Die Bhagavad Gita betont die Vermittlung durch einen Lehrer, der diese Qualitäten verwirklicht hat. Ein solcher Lehrer kann uns in der Stunde der Verzweiflung eine Kraft und Entschlossenheit vermitteln, welche die Übermacht besiegt.

Gerade heute, wo arrogante Manager aberwitzige Summen veruntreuen, ruft die Seele nach der Authentizität des Kriegers. Jeder muss für sich herausfinden, wie dieses innere Potential zum Ausdruck kommen kann. Die alten Weisheitstexte versichern uns: Wer sich zum inneren Kriegertum bekennt, wer egozentrische Motive hinter sich lässt, wird unbesiegbar.

Februar 2009     Reinhard Textor



[i] Und alle folgenden kursiv gedruckten Zitate aus: Jnaneshwar’s Gita; State University, New York 1989; Übersetzung vom Autor


Schule für
Kung-Fu * Tai-Chi * Qi-Gong * Meditation
Kurse / Seminare / Workshops
Wir begrüßen Sie auf unseren Informationsseiten zum Thema:
I-Ching, das chinesische Buch der Wandlungen.
Vielen Dank für Ihr Interesse.
 

1988, Klaus D. Schiemann, der Mülheimer Künstler, kreiert das Logo des Tao-Chi. Sie finden das Dojo  in Duisburg im Freizeit- & Gewerbehof Duisburg-Neudorf Süd


Ching, eines der 3 Schätze des Dao


jing [Ching]
- die Essenz -
 

Sonnenuntergang am Meer ... ein Goldenes Elixier ... relax Your mind ... Meditation, das ist Urlaub für den Geist



kien  dui li tschen sun kan gen kun

kien”        “ dui”      “li”        “ tschen”        “sun”        kan”        “gen”        “ kun



tao, der Weg     té     ching (ying), die Essenz     chi (qi) - die Energie     shen - der Geist     zhi, der Wille, die Absicht

tao”            “ ”            “ching           chi             shen           zhi

*


ein Goldenes Elixier ... Sonnenuntergang am Meer ... relax Your mind ...
 

Ci - Mitgefühl


ci” - Kalligraphie
Mitgefühl
 

yuan - Kopf, das Haupt


yuan - Kalligraphie
Kopf, Haupt
 

 hu, der Tiger


hu” - Kalligraphie
der Tiger
 

tai


tai” - Kalligraphie
das Große